Wie ich den Amoklauf als Münchner in München erlebt habe


In meiner ersten Lebenswoche sind meine Eltern in die Henckystrasse gezogen. Im Alter von etwa zehn Jahren in die Olympia-Pressestadt und bis zu meinem 23. Lebensjahr dort gewohnt. Heute bin ich erschreckende 41, eben nochmal überprüft und für unglaublich befunden. Das Olympia-Einkaufszentrum gehört zu den „Tiefenpsychologischen Erfahrung meiner Frühkindlichkeit“ und hat mit Sicherheit ein verstecktes Trauma ausgelöst. Punkt um, warum schreib ich das?! – In der Henckystrasse hat sich der Täter gerichtet, in der Riesstraße wurde er mit einer Bierflasche beworfen und am West-Ende vom OEZ hatte das Drama seinen Anfang. Gerade an dem Ort, wo mich meine Mutter damals für fünf Mark zum Mittagessen schickte – die 80er hatten einen deutlich unkritischeren Umgang mit amerikanischen Schnellrestaurants.

Der Freitagabend war krass. Die Chillzone wurde nervös und eine surreale Stimmung ist entstanden, mit hohem Energiepotential. Jetzt war ich unmittelbar selbst Opfer permanenter, nahezu sekündlicher Info-Bombardierung von N24 bis n-tv. „Drei Täter flüchtig, einer mit Weihnachtsmannkostüm, ein anderer Täter hat das Wort „Kanaken“ gerufen etc, etc, etc …“ – sich überschlagende Meldungen von Schüssen, wilden Terroristen und in Panik versetzte Bürger. Es ließe sich das Potentat der Angst kaum höher onanieren. Experten, Polizisten, Journalisten, Augenzeugen – jeder hat seine Wichtigkeit für einen Moment und die Menschen stehen fragend wie die kleinen Kinder vor dem großen Onkel, warum, weshalb und wer kann uns schützen?!

Im Laufe des Abends wurde mein Telefon immer heißer, die Facebook-Gemeinde fühlte sich an wie ein Sack voller Mücken und eine unglaubliche Nervosität in den Gedanken und den Gefühlen von Menschen. Bis vier Uhr morgens tat ich meinen telefonischen „Dienst“ für Freunde und Bekannte und immer wieder Facebook Chats und Kommentare. Sehr anstrengend gewesen!


Noch zwei Tage vorher einen nahezu prophetischen Artikel verfasst, brauch ich jetzt nur den Ort ändern. Mir ging es womöglich nicht anders als so vielen MünchnerInnen in der Zeit und ähnlich einer „höheren Macht“ ausgeliefert, kann man sich in einer solchen Situation, in der eigenen Stadt und aus dem Viertel wo man aufgewachsen ist, kaum den Medien entziehen. Die Qualität des Entsetzens ist gerade deshalb eine weitaus bedeutendere.

Wie schon im eben benannten Artikel erwähnt, ist jede Art „Hintergrund“ solcher Tätet nur ein Alibi, der eigentlichen Wahrheit den Rücken zu kehren. Ein Alibi der Täter, ein Alibi der Gesellschaft und das Ticket für die „tote Politik“, die mit keiner Maßnahme der Welt, solche Taten verhindern wird.
Ein mitunter so mächtiges Alibi, dass die depressive „German Angst“ der AFD es nahezu bedauert, wie eine Art „Schlamperei“, dass sich der Täter diesmal zu keinem „Hintergrund“ bekannt hat. Dass die „ehrliche Art des Amok“ ohne Anhang und Religion auszukommen vermag, wäre eine Art oppositionelle Zynik zur AFD. Noch nicht mal auf die sonst so von den Medien und Parteien gepflegten Psychopathen kann man sich noch verlassen.

Wer in München aufgewachsen ist, wer die MünchnerInnen kennt und hier seit Jahren lebt, weiß welches Leiden die Mentalität unserer „Weltstadt mit Herz“ so beherrscht. Wer in München ein einigermaßen sorgenfreies, dem „gelebten Standard“ entsprechendes Leben führen mag, muss entweder stinkreich sein, oder sich einem enormen Leistungsdruck ausliefern. Geltungssucht und Gleichgültigkeit fördern den Druck und stehen als von mir erforschte Ursache für schlechte Partys, fehlende Subkultur und rigorose Egomanie. Gut gelaunte Oberflächlichkeit, grundsätzlich ablehnende, teils aggressive Haltung zu allen Arten neuer Themen und oder neuer Bekanntschaften und das ständige Gefühl „wer besonderes“ zu sein.  Der gelebte Freigeist hat in München keine Chance.

Wenn wir ehrlich und aufrichtig an der Verhinderung von Amokläufen interessiert sind, sollten wir in erster Linie niemals die Politik oder die sogenannten „Experten“ befragen, sondern nur uns selbst. Wenn sensible Menschen in einer „Gewalt von Egomanie“ aufgewachsen sind und sich aufgrund ihrer Sensibilität den Mobbinggelüsten von münchner Wichtigtuern ausliefern, kann das mitunter so krasse Folgen haben, wie wir sie am Freitag Abend erlebt haben.

Es ist und bleibt und wird den Lauf der Geschichte der nächsten Zeit bestimmen: wir sind eine an Sinnlosigkeit erkrankte Gesellschaft, ohne Perspektive einer Genesung. Wir befinden uns am Anfang der besten Ausgangslage, die subtilen Ursachen für einen ernsthaften Krieg zu psychologisieren. Weil im Kern nur die Habgier dafür verantwortlich ist, sich überhaupt abzusetzen von den anderen Menschen.